Schritt für Schritt Heimat finden

Mein Name ist Kristina. Ich bin 55 Jahre alt und komme aus einer kleinen Stadt südlich von Stuttgart. Ich bin Schneiderin und Kostümbildnerin, arbeite aber inzwischen freiberuflich im Kunshandwerklichen Bereich.

Im Dez. 2015 sind in die Erstaufnahmeeinrichtung in unserem Ort ca. 45 Syrer und 45 Pakistaner angekommen. Seitdem bin ich in der Flüchtlingsarbeit tätig. In unsrem Ort gibt es einen Arbeitskreis für Geflüchtete, in den ich eingebunden bin. Ca. 50 Menschen helfen in Begleitungsgruppen, Sprachgruppe, Freizeitgruppe etc. Wir sind untereinander gut vernetzt, wodurch der Informationsaustausch schnell läuft und die Aufgaben gut verteilt werden können und wir arbeiten eng mit der Sozialarbeiterin der AWO zusammen. Dadurch schaffen wir es bei wichtigen Behördengängen die Geflüchtet gut zu begleiten, viele von uns inzwischen auch mit einem beachtlichen know-how.

Was mich betrifft, gehe ich fast täglich ins Camp. Manchmal gibt es Fragen, wegen der Papiere, manchmal kleinere oder größere Alltagsprobleme, manchmal einfach ein motivierendes Gespräche und oft  ist es einfach auch ein schönes Zusammen sein. Fahrten zum Arzt oder Begleitung zu Ämtern stehen natürlich auch immer wieder an.

Die Bewohner sind zwischen 19 und 33 Jahre alt. Ein paar wenige Ältere gibt es auch.

 

Warum haben einige Deutsche Angst von den Geflüchteten?

Wir Deutschen haben Angst vor Gewalt und Chaos. Diese Angst ist sehr elementar geprägt durch die zwei großen Weltkriege, besonders durch die Hitlerzeit.

Ihr kommt aus Ländern, in denen Gewalt den Alltag mitbestimmt, sei es durch Krieg, Terror, Attentate, Geheimdienste oder einfach unsichere Verkehrswege…. Das verunsichert uns zutiefst, denn wir sind ein sicheres, kalkulierbares Leben inzwischen gewöhnt und sicher fürchten viele, dass ihr die Konflikte Eurer Länder mit zu uns bringt. Zu Teilen ist diese Sorge ja auch nicht ganz unbegründet.

 

Und warum haben Sie keine Angst?

Mich haben schon immer andere Kulturen interessiert und ich bin viel in islamischen Ländern gereist. Außerdem habe ich mich, zumindest in Teilen, mit der Geschichte des Nahen Ostens und des Islams beschäftigt. Die Reisen und die Beschäftigung mit dem Islam nimmt die Angst, weil das Fremde nicht mehr so fremd ist und vor allem, weil man die Dinge differenzierter betrachtet.

Aber es öffnet auch den Blick dafür, wie verschieden die kulturellen Prägungen sind. Damit umzugehen, genau das ist die Herausforderung für uns alle. Wo können wir voneinander lernen, wo werden wir den anderen nie verstehen und müssen uns in Toleranz üben, und in welchen Bereichen müssen wir miteinander diskutieren, auch streiten, uns aneinander reiben, damit ein friedliches Zusammenleben gelingen kann und etwas neues entsteht. Insofern hatte ich keine Angst vor den Menschen.

Das heißt aber nicht, dass ich keinerlei Angst hatte, als in so kurzer Zeit so viele Menschen in unser Land kamen. Nicht die Menge der Menschen war das Problem, die Menge in so kurzer Zeit machte mir Sorgen.

 

Die Geflüchteten haben eine andere Kultur, als die Deutsche Kultur. Haben Sie ein Beispiel?

Begrüßung eines Deutschen per Handschlag: Blick in die Augen, lächeln, fester Händedruck.

Begrüßung eines Geflüchteten: Kurzer Blick in die Augen, lächeln, zarter Händedruck.

Beide versuchen höflich zu sein und beim anderen kommt ganz was anderes an.

Ich habe ein Weilchen gebraucht, bis ich verstanden habe, wie schwierig die Umstellung für viele Neuankömmlinge ist, sich so direkt in die Augen zu schauen, wie wir Deutschen es tun. Und das mit dem Händedruck hat mir ein Syrischer Freund erklärt, als ich ihn darauf ansprach. Einer Frau die Hand zur Begrüßung fest zu drücken, gilt als extrem unhöflich – gegenüber der Frau!

Für uns hingegen ist ein lascher Händedruck irritierend und wer dem anderen nicht in die Augen sehen kann, hat wohl was zu verbergen.

Also eine einfache Geste wie die Begrüßung zwischen Menschen, kann schon zu Missverständnissen führen.

 

– Haben Sie mit den Geflüchteten Missverständnisse gehabt?

Klar, ständig, in kleinen Alltagsgeschichten. Aber mit Humor und Einfühlungsvermögen lässt sich das sehr gut bewältigen und meistens lernt man beim darüber sprechen, warum etwas anders gemacht wird, als es bei uns üblich ist und da kann man viel voneinander lernen.

 

 

  • Was ist Ihre Erfahrung mit den Geflüchteten?

 

Meine Erfahrungen beziehen sich schwerpunktmäßig auf syrische Geflüchtete, da die pakistanischen Geflüchteten in unserer Stadt inzwischen in einem anderen Camp sind.

Meine Wahrnehmung war:

Ihr kommt nach Deutschland in eine sehr fremde Kultur und hinter Euch liegen Krieg, Flucht, Angst, Tod …… und ihr findet Euch wieder in einem camp mit vielen anderen Nationen oder „nur“ mit der Eigenen. In einem camp mit vielen verschiedenen Nationen krachen natürlich die verschiedenen kulturellen Prägungen ungefiltert und in einer Ausnahmesituation aufeinander. In einem Camp mit nur einer Nation, sind auch alle politischen und religiösen Strömungen, des jeweiligen Landes vertreten und damit auch ähnliche Probleme.

Das kann dann schon mal zu Spannungen führen. Nachdem ich mehr verstanden habe, wie das alles zusammenhängt, hat es mich eigentlich eher gewundert, dass es nicht mehr Spannungen gab. Da habe ich wirklich Respekt bekommen.

Man muss sich die Situation einfach vor Augen führen: Warten das etwas geschieht, eine zerstörte Vergangenheit hinter sich, die Zukunft nicht in Sicht und der Zimmernachbar von der anderen politischen Richtung. Da können die Nerven schon mal durchgehen. Passierte aber eher selten.

Dafür gab es Panikattacken, Depressionen, Verschiebung des Tag- Nachtrhythmus, chronische Kopfschmerzen etc.

Nach der Ankunft im Camp seit ihr sofort mit einem sehr sonderbaren bürokratischen System, genannt Asylverfahren, konfrontiert. Man kann auch sagen, aus der Flucht wird ziemlich schnell ein Stau und manchmal bewegt sich gar nix mehr. Gut, wenn man dann nicht verheiratet ist und seiner Familie erklären muss, dass die Familienzusammenführung gar nicht so einfach und schon gar nicht schnell geht.

Aber auch wer dieses Problem nicht hat: ab dem Moment, in dem man im Asylverfahren ist, ist man eigentlich nicht mehr Herr seiner selbst. Das bestimmt bürokratische Abläufe notwendig sind, ist eine Sache. Dass die Auswirkungen dieses bürokratischen Systems oft unmenschlich sind, eine andere. Es gab Phasen, in denen ich mich gefragt habe, wie es sein kann, dass Deutschland  den Ruf hat, super gut organisiert zu sein.

Mit Sprachkurs konnte man auch nicht gleich loslegen, denn dazu musste man ihn ja erst mal beantragen und auf die Bewilligung warten, was zum Teil drei bis vier Monate dauerte und dann muss es noch einen freien Kurs bei der VHS geben. Da können mal ganz schnell 6 – 8 Monate ins Land ziehen ohne Sprachkurs. Gerne auch mehr. Verdammt viel Zeit zum Nachdenken und genügend Zeit die Motivation zu verlieren. Dazu kommt, dass manche Nationen gar keinen Anspruch auf einen Sprachkurs haben, obwohl klar ist, dass sie über Jahre hinaus in Deutschland bleiben werden, selbst wenn sie am Ende wieder gehen müssen. Wie soll das gehen ohne Sprache und zwar für Fremde als auch für Einheimische?  

Manche Geflüchtete sind in dieser Zeit in ein Loch der Lethargie und Depression gefallen, andere haben die Kraft gefunden (falls WLAN vorhanden) übers Internet Deutsch zu lernen.

Um ehrlich zu sein, ich habe oft die Geduld und Genügsamkeit der Geflüchteten bei uns im Ort bewundert.

 

Haben Sie etwas besonderes mit den Flüchtlingen gefunden?

Mein Bild von Syrien und Pakistan hat sich vollkommen verändert.

Und die Erkenntnis, dass man, wenn man sich mal durch die kulturellen Unterschiede einigermaßen durchgearbeitet hat, am Ende vor einem Menschen steht, der einem entweder sympathisch ist oder nicht, egal aus welcher Nation er kommt.

 

Warum hilft sie/er Geflüchteten?

Für mich, die Geflüchteten und mein Land.

Für mich, weil ich neugierig auf andere Lebensweisen bin und viel über mich lerne in der Begegnung.

Für die Geflüchteten, weil sie ohne Unterstützung und Begegnung mit Deutschen hier nicht ankommen und sich neu beheimaten können. Das aber müssen sie, denn sie können nicht zurück nach Syrien, die Meisten jedenfalls.

Für mein Land, weil, wenn wir den Geflüchteten nicht helfen und begegnen, Integration weder gelingen kann noch wird und dann haben alle Beteiligten in spätestens 20 Jahren ein richtige großes Problem.

 

Was bedeutet Hilfe?

Hilfe selbst aktiv werden zu können. Direkten Kontakt zu Deutschen.

Das ist übrigens auch der schnellste und einfachste Weg zur Integration.

 

Es gibt zwei Formen der Hilfe.

Die eine ist sehr konkret. Hilfe durch den bürokratischen Dschungel zu kommen. Gute und exakte Information zu geben. Begleitung durch Deutsche bei Amtsangelegenheiten und zu Ärzten. Unterstützung in Alltagsfragen (Wie eröffne ich ein Bankkonto, was muss ich bei einem Mietvertrag beachten…. ) Vorbereitung zur Anhörung…..

Eine andere Form der Hilfe ist – fragen und zuhören. Oft macht sich Hoffnungslosigkeit und Resignation breit. Hier immer wider zu motivieren oder einfach nur zuhören, ist auch eine Form der Hilfe. Unsere Aufgabe ist es, immer wieder Mut zu machen und Möglichkeiten zu geben, etwas für die eigene Zukunft zu tun.

 

Was bekommt sie/er zurück?  Was hat sie/er gelernt?

Ich lerne viel über mich. Ich lerne viel über andere Länder und eine andere Art Gemeinschaft zu leben, was wir in Deutschland manchmal verloren haben. Und natürlich: es tut immer gut, das Gefühl zu haben, etwas sinnvolles zu tun, für sich, für andere und für das eigene Land. Und mir wird viel Freundlichkeit und Freundschaft entgegen gebracht. Ich erlebe spannende neue Dinge, bekomme auch einen ganz neuen Blick auf unser Leben hier.

 

Wieviel Nähe kann man zulassen? Wo sind die Grenzen?

Als Frau habe ich bisher die Erfahrung gemacht, dass ich immer respektvoll und höflich behandelt werde. Da muss ich keine besonderen Grenzen ziehen, bzw. ziehe sie genauso, wie ich es bei Deutschen Freunden, Bekannten oder Fremden tun würde.

Das heißt, es gibt Menschen, die einem sympathischer sind und mit denen langsam eine Freundschaft entsteht und bei anderen eben nicht.

 

Was sind die Erwartungen? Wurden sie bislang erfüllt, enttäuscht?

Die Erwartungen sind an alle gerichtet, an Deutsche und Geflüchtete gleichermaßen.

Wir leben in einer Welt, die immer globaler wird. Wir haben zwar alle nationale und religiöse Eigenarten und Traditionen, aber schlussendlich werden wir alle mit nationalistischen religiösen Haltungen in dieser globalen Welt nicht mehr durchkommen.

Wenn wir lernen uns als Freunde wahrzunehmen, dann werden wir uns deshalb nicht unbedingt verstehen, aber dann respektieren wir uns gegenseitig, können die Andersartigkeit des Anderen schätzen, zusammen leben und voneinander lernen. Das verändert dann notgedrungen beide Seiten. Diese Offenheit und Bereitschaft wünsche ich mir von allen Geflüchteten, aber auch von meinen eignen Landsleuten.

Meine Erwartung oder besser, Hoffnung ist, dass wir alle keine Angst vor Veränderung haben.

Wer festhält am Alten, sei er Einheimischer oder Geflüchteter, stellt sich eigentlich gegen das Leben, denn Leben ist Veränderung, immer und jeden Tag und Leben ist Weiterentwicklung.

Ich wünsche mir, dass wir die Angst hinter uns lassen, uns einbringen und gemeinsam Zukunft gestalten. Wenn wir das tun, haben wir wenigstens die Chance, dass es eine gute Zukunft werden kann, in der alle leben können. Wenn wir am Alten krampfhaft festhalten, wird es wie immer enden, nämlich in Unfrieden und Leid.

 

-Worin bestehen die größten Schwierigkeiten?

Kommunikation!

Oft fehlt es an der gemeinsamen Sprache. Aber selbst, wenn bei den Geflüchteten schon genügend deutsche oder englische Sprachkenntnisse vorhanden sind, klappt die Verständigung nicht immer. Ich habe lange gebraucht, um ein Gespür dafür zu entwickeln, wann der andere mich wirklich inhaltlich verstanden hat, was ja z.B. bei Amts- und Papiersachen sehr wichtig ist.

Oft werden auch die Worte verstanden, aber nicht der große Zusammenhang, was meist daran liegt, dass wir aus vollkommen verschiedenen kulturellen Backgrounds und politischen Systemen kommen. Dafür ein Gespür zu entwickeln und den anderen da abzuholen, wo er steht und nicht da, wo ich denke, dass er steht – das ist gar nicht so einfach und gelingt auch nicht immer.

Aber mit Geduld, Höflichkeit und Humor schaffen wir´s immer wieder.

 

Was hat sich im Leben der Person geändert?

– Die vielen fröhlichen Abende in den Gemeinschaftsräumen des Camps, bei denen Deutsche, Pakistaner und Syrer zusammen Tischtennis spielten, Musik machten, redeten und manchmal auch gemeinsam schwiegen.

– 3 Jahre für einen guten Freund, der mehr als 18 Monate auf seine Anhörung warten musste.

– Ein Geflüchteter und seine deutsche Frau haben gestern ihr erstes Kind bekommen und ich durfte es heute in den Armen halten. Ein Gefühl, als wäre ich Großmutter geworden.

 

Was bedeutet Integration und wie kann man sie erreichen/umsetzen?

Meine Erfahrungen führen mich zu dem Schluß: nur mit Offenheit, Neugierde und der Bereitschaft uns alle zu bewegen, werden wir von einander lernen und gut zusammen leben können.

Mein Wunsch in Bezug auf Deutschland ist , dass wir eine freie und friedliche Gesellschaft bleiben und immer mehr werden und die verschiedene Nationen in unserem Land Schritt für Schritt hier Heimat finden. Dabei müssen weder die einen noch die anderen ihre Identität aufgeben, wobei der Anpassungsprozess für Geflüchtet sicher größer und schwieriger ist. Die Bereitschaft zur Veränderung werden aber sicher alle einbringen müssen. Integration ist keine Einbahnstraße, sie kann nur von beiden Seiten ausgehen.

 

Wofür steht eine multikulturelle Gesellschaft?

Eine Gesellschaft in der verschiedene kulturelle Identitäten friedlich zusammen leben können, weil sie die eigene Identität nicht verleugnen und die des anderen als gleichwertig respektieren und sich für das Fremde im Anderen interessieren. Das geht nicht ohne Reibung, das geht auch nicht ohne Konflikte. Wir werden uns unbequemen Fragen stellen müssen und ihr auch und daraus wird etwas Neues entstehen, was dann vielleicht so zusammenwächst, dass nicht mehr die Nation das wichtigste ist, sondern die Qualität als Mensch, die wir mitbringen.

von Moaayad Audeh  

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