Eine Zeitreise in den Orient der 60er Jahre, Teil 2

Fasanen-Mosaike, von meinem Vater auf der Reise aufgenommen

Die Briefe meines Vaters

Mein Vater bereiste in den 60er Jahren den Nahen Osten auf der Suche nach antiken Mosaiken für seine Doktorarbeit über die Kulturgeschichte des Fasans. Sein Reisetagebuch verfasst er in Form von Briefen an meine Mutter, die ich jetzt, 53 Jahre später, lese.

2. Teil: Tunesien

Inzwischen ist mein Vater in Annaba, dem antiken Hippo Regius angekommen, von wo aus er weiter nach Tunesien reisen will, nach Tunis nahe dem antiken Karthago.

Er schreibt seinen Brief im Schatten, bei den Ruinen der alten Badeanlagen und es erstaunt mich, wie lebendig für ihn als Historiker die Antike ist. Ausgehend von einigen Steinstrukturen beschreibt er seiner Verlobten die Funktionsweise der Thermen und der Fußbodenheizung. Im Übrigen – so mein Vater – ist der unbändige Verbrauch an Brennmaterial sowie der Flottenbau und damit die Zerstörung der Wälder ein wesentlicher Grund für die Austrocknung der einst römischen Verbreitungsgebiete. Nun, das passiert ja in globalem Maßstab mit dem menschgemachten Klimawandel erneut, so dass einem der Tadel im Halse steckenbleibt. Soviel zur Zivilisation.

Etwas müde, da gepeinigt von einer Mücke im leicht verwahrlosten „Grand Hotel“, aber frisch gesättigt durch Käsebrot und Bier der algerischen Staatsbrauerei konnte mein Vater bereits ein erstes Fasanenmosaik fotografieren. Er stellt fest, dass das Zauberwort „Allemagne“ ihm hier viele Türen öffnet. Er sieht die Ursache dafür in der Abneigung gegen den ehemaligen Kolonialherren Frankreich. Die Deutschen scheinen dagegen aus der Kriegszeit eher positiv in Erinnerung geblieben zu sein. Die Algerier loben den Aufbau von Zisternen und die Unterstützung der hungernden Bevölkerung. Verdutzt recherchiere ich nach und stelle fest, dass viele dieser Errungenschaften von Zwangsarbeitern – insbesondere jüdischen – errichtet worden waren.
Das nationalsozialistische Deutschland hatte wohl sein „Erfolgsrezept“ exportiert, einen Teil der Bevölkerung zum Wohle des anderen zu opfern.

Überhaupt ist der Palästinakrieg von 1948/49, der der Staatsgründung von Israel folgte, noch nicht lange her, und die Konflikte sind zuletzt 1956 in der Suezkrise wiederaufgeflammt. Der Ausgang dieser Kriege hatte die durch die lange Dominanz des Osmanischen Reiches und die europäischen Beeinflussungen zerrüttete arabische Welt weiter schwer erschüttert. Die Niederlage kam dabei für die Bevölkerung Syriens und Ägyptens sehr überraschend, da nur die militärischen Erfolge in den Medien publik gemacht worden waren, was wohl ein Gefühl der nationalen Demütigung zurückließ.

Die damals entstandenen palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon und in Syrien existieren noch heute, ihre Bevölkerung ist inzwischen von 450.000 auf 3.3 Millionen angestiegen.

So zieht mich das „Zauberwort“ in seinen Bann und ich verbringe Stunden damit, in Wikipedia über Islam, Zionismus, Osmanisches Reich und Nahostkriege nachzulesen.

Nein, eine abschließende Meinung oder gar eine Wertung möchte ich mir nicht anmaßen. Aber mir stellt es sich so dar, dass das postkolonialistische Europa den Juden und den ansässigen Arabern dasselbe Land versprach.  Es aber eigentlich unter eigener Kontrolle behalten wollte. Und sich dann beim Auftauchen von Problemen überstürzt zurückzog.

Vieles, was ich da lese, erscheint mir erschreckend aktuell. Etwa die Konferenz von Evian (1938), bei der 32 Staaten bedauernd die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge Nazideutschlands verweigerten. Oder zumindest durch feste Quoten stark einschränkten, mit der Begründung, es überstiege die Aufnahmekapazität. Interessant auch, dass das osmanische Reich maßgeblich durch einen Staatsbankrott in die Knie gezwungen wurde. Auch dazu mag man Parallelen in der aktuellen Geschichte sehen.

Und mir wird bewusst, dass eine Lösung all dieser Konflikte voraussetzt, dass man in dem Geflecht aus Schuld und Leid eine gemeinsame Sicht auf die Geschichte findet. Aber wie, wenn jeden Tag neues Leid entsteht und zu „fake history“ nun auch „fake news“ hinzukommen.

Die Reise nach Tunis verläuft ohne Probleme, jedoch ist die Grenzkontrolle recht chaotisch und die angepeilte Jugendherberge stellt sich als ein Verwaltungsgebäude heraus. Das stattdessen bezogene Hotel trägt seinen Namen „Salambo“ nach der karthagischen Sage, in der die Erstgeborenen dem Kriegsgott Moloch geopfert wurden, so weiß der Historiker zu berichten.

Ja, mit der einheimischen Organisation ist mein preußisch erzogener Vater nicht immer einverstanden. Erbost schreibt er, dass das Postamt ohne Aushang die Öffnungszeiten auf Sommerdienst gesetzt hat, so dass er ohne Brief von meiner Mutter wieder von dannen ziehen musste. Er muss immer bei den Buchstaben C. und H. nachschauen lassen, weil die Post mal nach Vor- und mal nach Nachnamen einsortiert ist. Busse fahren auch nicht immer vom erwarteten Ort ab und warten dafür andernorts auf die letzten Nachzügler und die verspätete Post. Vorwurfsvoll bemerkt mein Vater, dass die Araber immer Zeit haben.

Nun, immerhin findet mein Vater die Zeit, die einheimische Vogelwelt zu beobachten. Er ist nämlich seit seiner Kindheit ein begeisterter Ornithologe. So zählt er meiner Mutter seine Schätze auf: Bienenfresser, Blauracke, Wiedehopf, Schmutzgeier, Brachpieper, Kolkraben, Alpensegler, Distelfink, Mittelmeersteinschmätzer, Girlitz, Grünfink, Rotkopfwürger, Raubwürger, Fliegenschnäpper, Steinkauz. Und er bedauert die hier übliche Jagd auf Singvögel. Interessant ist, dass seit einigen Jahren diese Faszination für Vögel auf mich übergegangen ist. So kann ich den Stolz mitfühlen, mit dem mein Vater von zwei ihm neuen Arten berichtet: Rennvogel und Trauersteinschmätzer.

Auf der Suche nach Fasanenmosaiken ist er in Tunesien sehr erfolgreich. Er wird fündig in den Ruinen von Karthago und dem „Bardo-Museum“, das 2015 Schauplatz eines IS Anschlags wurde, bei dem 24 Menschen zu Tode kamen. Sowie auf einer Rundreise: Enfidaville (Geheimtip eines deutschen Mönchs der „Weißen Väter“ aus dem „Lavigerie-Museum“), Sousse, El Djem mit seinem schönen Amphitheater und Sfax.

Zufrieden schifft er sich auf der „El Djezair“ ein, um einen 2-wöchigen Heimaturlaub bei seiner Verlobten anzutreten, der Besuch der Schwiegereltern steht an. Danach wird er erneut aufbrechen, diesmal durch Libanon, Syrien, Jordanien, Türkei und Israel. Auch ich bin schon gespannt auf diese Reise, doch davon beim nächsten Mal…

Von: Sven Hünemörder

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