Wir sind verdammt zu hoffen

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Seitdem der Tod vor 50 Jahren eine ihrer Brüste gefressen und die andere als eine Erinnerung zurückgelassen hatte, begrub Ahlam kein weiteres Körperteil und auch keines ihrer Kinder mehr. Entschlossen pflegte sie, was von ihrem dürren Körper übrig geblieben war. Dass sie lange auf dem Feld gearbeitet hatte, half ihr, den Tod beziehungsweise das Leben in Schach zu halten. Als bäuerliche Frau bezog sie ihre Kraft und Tiefgründigkeit aus dem Boden und aus den Stapeln von Feuerholz. Sie widerstand den Folgen ihrer Krankheit ganze 50 Jahre lang. Doch als die Revolution begann, musste sie abermals den Schmerz des Verlustes ertragen, der nach und nach ihre Familie heimsuchte in den letzten Tagen von Assads Krieg, gegen ihr Dorf im Süden Syriens, nahe der Stadt Idlib.

Ahlam konnte ihre Teenagerzeit nicht ausleben. Sie wurde als Kind in das Haus ihres Ehemanns gebracht, als sie gerade 15 geworden war, ohne jemals High Heels ausprobiert zu haben, ohne dass jemals ein Mann seinen Arm um ihre Taille gelegt hatte auf einer der lauten Partys, von denen die Männer in ihrem Dorf sprachen, wenn sie aus der Stadt zurück gekommen waren. Vielleicht hatte sie nie ein Wort mit irgendeinem fremden Jungen vor ihrer Schule gewechselt. Sie hatte Tanzmusik nie auf einer Party gehört, sondern nur über ein Radio, welches gleichzeitig die großen Siege von Al Assads Armee über die Muslimbrüder in den 80gern des letzten Jahrhunderts verkündete. Obwohl ihr Dorf nach diesem Krieg, der Tausende getötet hatte, komplett zerstört war, funktionierte ihr Radio immer noch bis in die ersten Jahre der Revolution hinein, als die Dorfbewohner sich gegen den Präsidenten auflehnten und weitere Zerstörungen und Plünderungen folgten.

Ahlam, die Großmutter hatte neun Kinder und 20 Enkel. Die meisten von ihnen lebten mit ihr in einem großen, alten Haus, das aus Lehm gebaut war. Das Haus wurde im Laufe der Jahre unzählige Male umgebaut, abgesehen vom Zimmer der Großmutter, welches unverändert blieb, bis das Haus schließlich unter seinem alten Holzdach zusammenbrach. Die Wände waren mit Kalkfarbe gestrichen, die normalerweise zum Bemalen der Bäume genutzt wurde. Außerdem hing dort ein Bild ihres Mannes, dessen Schicksal ungeklärt blieb. Er war vor einem Vierteljahrhundert eingesperrt worden mit der Begründung, er wäre ein islamischer Soldat, der gegen die Al Baath Partei gekämpft hätte, um diese zu stürzen. Das hatte Ahlam niemals glauben können, denn sie kannte ihren Mann durch und durch. Sie wusste, dass sein größter Traum gewesen war, sein altes, schwaches Pferd durch ein junges, kräftiges zu ersetzen, damit er es leichter hätte, den trockenen Boden zu pflügen.

Die Großmutter hatte nie Lesen gelernt, bis auf ein paar Zeichen, die über den Ruinen der Stadt angebracht wurden. Sie sammelte diese Zeichen und dekorierte ihr zerstörtes Zimmer damit nach den Freitagen, an denen die Dorfbewohner demonstrierten und den Sturz von Al Assad forderten. Sie kannte weder die Theorien über sozialen Umbruch, die zur Revolution geführt hatten, noch wusste sie, was diktatorische Macht in dörflichen Gemeinden anrichten kann. Sie dagegen hatte mit ihren holzigen Fingern gespürt, wie Menschen langsam einen langen Tod sterben und wie es sich anfühlte, wenn die Bomben auf ihr Dorf fielen und das Gemetzel sich auf den Gesichtern ausbreitete. Sie wusste, was es hieß, wenn ein Kind nur aus dem Grund weinte, weil es seine Familie durch den Bombenstaub nicht sehen konnte. Und mit dem Herz einer Großmutter hob sie immer wieder ihre Hände zum Himmel, um zu beten und den Unterdrücker bzw. den kleinen Teufel, wie sie ihn nannte, anzuklagen.

Ebenso hatte sie nie einen der modernen Züge gesehen, von denen ihr Enkel immer sprach, wenn er sie einmal im Monat auf ihrem alten Telefon anrief. Diese Züge, die er in den fernen Ländern sah, in denen er als Flüchtling während des Krieges gelandet war. Sie kannte auch nicht die Art von nachhaltiger Entwicklung, die sich in diesen Ländern ausbreitete, wo alle Menschen Arbeit hatten, sodass die Armut verschwand. Seit Kriegsbeginn ging sie hingegen auf ihren eigenen Füßen zu den Treffen mit anderen Großmüttern, welche die gleichen Erinnerungen an den ersten Krieg in den 80ern hatten. Entschlossen gab sie vor, was in den nächsten Tagen zu tun war. Innerhalb weniger Monate schaffte sie es, Heilkräuter zu sammeln und zu kultivieren, die in den Bergen nahe dem Dorf wuchsen. Sie benutzte die Kräuter, um Kinder zu behandeln, die an den Folgen der Flucht aus ihren Dörfern, dem Fieber und der Kälte, litten. Auch ältere Männer und Frauen behandelte sie mit den Heilkräutern. Nach und nach säten Ahlam und ihre Enkelin, die den gleichen Namen trug, die ersten Samen, welche den Grundstein für das erste mobile Zivilkrankenhaus bildeten. Dieses Krankenhaus sollte in den folgenden Jahren der Revolution eine wichtige Rolle spielen. Ahlam, die Enkelin, bildete auch junge Menschen ihres Dorfes in Erster Hilfe aus. So konnten sie den Kriegsopfern und den verletzten Kämpfern helfen, die aus dem Krieg zurück kamen mit amputierten Beinen oder anderen Körperteilen, die den Bomben von Assad zum Opfer gefallen waren.

Durch das Wissen ihrer Vorväter, wie man dem Tod am besten entgegentritt, hatte Ahlam, die Großmutter, eine entscheidende Rolle, wenn es darum ging, die Schmerzen der Sterbenden zu lindern. Diese wurden auf schmalen weißen Tüchern zum zivilen Krankenhaus gebracht, welches sich im Innern einer Berghöhle befand. Ahlam rezitierte für die Sterbenden aus ihrem reichen Schatz an religiösen Gesängen mit der einfühlsamen Stimme einer Großmutter und sie flüsterte ihnen das Versprechen ins Ohr, sich um ihre Familien und Kinder zu kümmern. Wenn der Tod dann gekommen war, versammelte sie die Frauen des Dorfes, um das Grab vorzubereiten. Der Name des Verstorbenen wurde auf einen Baumstamm geschrieben und dieser neben das Grab gepflanzt, welches Ahlam von Zeit zu Zeit besuchte. Sie bat außerdem ihre Enkelin, Buch zu führen über alle Verstorbenen, um die sie sich im Namen ihrer Familien kümmerte.

Da der Tod ein häufiger Besucher in ihrem Dorf war, entschied Ahlam, ihre Arbeit stärker zu organisieren. Zu diesem Zweck gab sie ihrer Enkelin die Namen der Verstorbenen und auch Informationen zu den Todesursachen. Sie fing an, von der spärlichen Ernte auch noch etwas für die Hinterbliebenen abzuzweigen und nähte mit den anderen Dorfbewohnerinnen Kinderkleidung. Sie sammelte auch gebrauchte Kleidung und schickte diese mit den jungen Revolutionskämpfern in andere Dörfer.

Ahlam hatte einmal in ihrem Leben zusammen mit ihrem Ehemann die Stadt besucht, als sie noch jung war. Bei diesem Besuch hatte sie eine ihrer Brüste verloren in einem der Krankenhäuser von Damaskus. Als sie damals in ihr Dorf zurückkehrte, schwor sie, es nie wieder zu verlassen und monatelang grub sie ihr eigenes Grab und dachte, dass der Tod sie schnell ereilen würde. Allerdings gab sie ihr Grab in den Revolutionsjahren auf und begrub stattdessen dort amputierte Gliedmaßen, die sie sanft bettete. Oft lag sie dann hinter dem größten Grab und wünschte sich, dass ihr Körper als Ganzes beerdigt würde. Sie dachte, sie werde ihre Hand als Tote brauchen, um ihre Tränen abzuwischen. Sie erzählte ihrer Enkelin oft vom Weinen der Toten und den uralten Legenden, die besagen, dass die Toten lange weinen und man Blumen auf ein Grab stellt, um dem Tod zu helfen, all die Tränen zu trinken.

In den ersten Monaten der Revolution musste Ahlam, die Großmutter, viele Verluste erleiden, nachdem drei ihrer Söhne bei Massendemonstrationen festgenommen worden waren. Die Sicherheitskräfte hatten in die Masse geschossen, um die Demonstranten auseinander zu treiben und sie leichter festnehmen zu können. Nach mehreren Monaten kam einer von Ahlams Söhnen als lebloser Körper zurück aus der Haft. Dann verlor sie auch die Familie ihres jüngsten Sohnes, als Al Assads Armee eine Bombe über ihrem Haus abwarf. Seitdem lief sie immer wieder durch die Straßen, um zu überprüfen, wie es den Familien ihrer anderen Söhne ging.

Die Revolution floss in Ahlams Blut und so floss auch Ahlam in der Revolution. Wie bei allen syrischen Muttern, so hatte der Tod auch Ahlams Herz gebrochen und sie gezwungen, auf Friedhöfen zu leben und in engen Gassen zu gehen, die zu ihrem Dorf führten. Durch ihre Krankheit hatte Ahlam auf harte Weise gelernt, dass der Schmerz nur den schwachen Körper angreift, um ihn zu töten und dass die Hoffnung nur wirklich inspirieren kann, wenn sie von der schwachen Stimme aus den Tiefen der Seele kommt und man diese Stimme stärkt und sie mit dem Gold des Lebens umgibt.

Ahlam nahm die Lektionen ihres Lebens mit in Al Assads Gefängnis, wo sie für zehn Tage eingesperrt wurde. Als sie von einer Sicherheitsstelle zur nächsten gelaufen war, um herauszubekommen, wo ihre Söhne sein könnten, fand sie sich schließlich selbst gefangen in einer winzigen Zelle wieder. Die von oben bis unten beschriebenen Wände des Raums gaben ihr eine bedrückende Vorstellung davon, wie viele Menschen hier schon vor ihr gefangen waren. Ohne auch nur ein Wort des Geschriebenen lesen zu können, verstand sie, dass Hoffnung eine historisch belegte Wahrheit ist und über alles herrscht und jedem zugänglich ist, der ihr folgt und ihr alles opfert, was er hat.

Ahlam wurde mit großen Schmerzen in ihren Beinen, aber ruhmreich, aus ihrem einsamen Gefängnis entlassen. Da sie mehr Schmerzen als früher hatte, reduzierte sie ihre täglichen Pflichten ein wenig. Sie stand früh morgens auf und sah nach ihren Bäumen und Heilkräutern. Nachmittags besuchte sie die zerstörten Häuser ihrer Söhne, da ja ihr großes Haus eingestürzt war. Die Abende verbrachte sie damit, die Umzüge der Familien zu überwachen, die in ihr Dorf oder nach außerhalb zogen. Oft saß sie auch vor ihrem zerstörten Haus auf einem kleinen Stuhl und zählte die Menschen, die vorbei gingen – sie konnte sie an den Fingern einer Hand abzählen.

Ahlam, die Enkelin, war in ihren Zwanzigern und sah ihrer Großmutter nicht nur ähnlich, sondern hatte auch viele ihrer Charaktereigenschaften. Sie blieb immer an ihrer Seite. Sie begleitete sie, wenn sie die Häuser der Rebellen besuchte, um zu erfahren, wie die Lage bei den andauernden Kämpfen war. Obwohl Ahlam in ihren wenigen Schuljahren Lesen und Schreiben gelernt hatte, fing sie früh an, als Krankenschwester zu arbeiten. Sie begleitete ihre Großmutter zu den Geburten der Dorfbewohnerinnen. Sie war bezaubert vom Wunder der Geburt und der mystischen Verwandlung der Neugeborenen. Dies inspirierte sie dazu, die Jugendlichen im Dorf in Erster Hilfe zu unterrichten, damit diese den Überlebenden der verheerenden Bombenangriffe helfen konnten.

Trotz ihrer Leidenschaft für ihr Dorf und ihre Großmutter hatte Ahlam den Traum, ihr Land zusammen mit ihr zu verlassen. Dies sollte allerdings ein Traum bleiben. Zwar hörte ihre Großmutter ihr zu, wenn sie von fernen Ländern erzählte, wo die Menschen nicht in Angst leben mussten und wohin die Reise zwar gefährlich war, aber am Ende ein Leben in Sicherheit wartete. Aber anschließend lächelte ihre Großmutter nur und sagte: „Wir sind zum Hoffen verdammt. Niemand kann dem Tod entkommen, meine Enkelin.“ Als ihre Großmutter gestorben war, stieg Ahlam, die junge Frau, in eines der Schlauchboote zu den griechischen Inseln und wiederholte immer wieder die Worte ihrer Großmutter, um die Angst vorm Ertrinken zu vertreiben.

von Wael  Deeb

Übersetzer:  Nawar Jacoub / Tatjana Plöning

 

1 Kommentar zu "Wir sind verdammt zu hoffen"

  1. Brigitta Müller | 9. Juni 2017 um 13:42 | Antworten

    Habe selten eine so herzerweichende, wunderschöne obwohl traurige Geschichte gelesen.

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