Die Geschichte von Carina, Bassel und Maher

Hätte mir jemand vor einem Jahr gesagt, 2017 wirst Du arabische Musik im Auto hören und „Yalla, yalla!“ wird zu einer Deiner häufigsten Redewendungen gehören, hätte ich gelacht und das nicht geglaubt. Und doch ist es so. Wie es dazu kam, möchte ich heute berichten: es ist unsere Geschichte, die von Maher und Bassel – und mir, Carina.

Im Herbst 2015 arbeitete ich noch in einer kleinen Amtsverwaltung und wurde im Rahmen meiner Tätigkeit in der Ordnungsabteilung beauftragt, für die vielen Flüchtlinge Wohnraum zu finden. Das war oft nicht einfach. Viele Neubürger wollten nicht auf dem Land leben oder es gab Probleme beim Zusammenleben wegen unterschiedlicher Glaubensrichtungen. Und es gab Verständnislosigkeit, wenn Rauchverbot ausgesprochen und Mülltrennung verlangt wurde.

Im Dezember 2015 fand ein Willkommensfest für die Flüchtlinge und Einheimischen des Amtsbezirks statt – und dort traf ich Maher und Bassel zum ersten Mal.
Maher fragte mich auf englisch, ob er und sein Bruder eine andere Unterkunft zugewiesen bekommen können, da sie seit Oktober in einer Unterkunft- mit 6 weiteren Männern aus Syrien- in einem kleinen Dorf ohne nennenswerte Infrastruktur lebten. Sie hatten Glück, denn ich hatte eine Wohnung im nächsten größeren Ort für sie und zwei weitere Männer aus Syrien frei, so dass sie im Februar 2016 umziehen konnten.

Nach dem Umzug war ihr Weg zur Amtsverwaltung kurz, so dass Maher und Bassel häufiger vorsprachen – sei es, weil zu wenig Haustürschlüssel vorhanden waren oder weil die Klingel defekt war. Die Gespräche führte ich grundsätzlich mit Maher – dem Älteren der beiden – auf englisch, denn der jüngere Bruder sprach damals weder englisch noch deutsch.

Im Frühjahr 2016 wurde mir immer deutlicher bewusst, dass ich viel zu wenig von unseren Neubürgern wusste. Es war nicht damit getan, ihnen eine möblierte Wohnung zur Verfügung zu stellen. Ich hatte geglaubt, es sei tatsächlich besser, Flüchtlinge in kleineren Orten unterzubringen. Die Vielzahl der dort lebenden Menschen dort zeigten Bereitschaft, sich um neue Nachbarn kümmern zu wollen. Sei es sie mal im Auto in die Stadt mitzunehmen oder ihnen beim Ausfüllen von Formularen zu helfen. Aber selbst wenn Neuankömmlinge mal nicht entsetzt waren, nicht in einer Stadt wohnen zu dürfen, so wurde doch statt Laminat lieber Teppich gewünscht und statt Ceranfelder lieber gusseiserne Kochplatten. Von Gartenarbeit waren sie erst recht nicht begeistert. Kurz: ich brauchte Hilfe.

Und so teilte ich meinem Kollegen mit, dass ich eine Patenschaft übernehmen wollte um mehr Einblick zu bekommen und besser agieren zu können. Mein Kollege, der meine Anzahl an sehr vielen Überstunden kannte, fragte, ob ich mir das gut überlegt hätte. Noch mehr Aufgaben, noch weniger Privatleben. Aber ich war wild entschlossen. Und dann kamen Maher und Bassel in unser Büro – und meine Entscheidung war gefallen. Ich erklärte Maher also in vielen wirren englischen Worten, dass ich gern seine und Bassels Patin werde möchte. Und zu meiner großen Enttäuschung, war er alles andere als begeistert und fragte „Nein, warum? Was muss ich dann tun?!“

Am 14. Mai 2016 fand dann ein Ausflug mit ehrenamtlichen Helfern und Flüchtlingen statt. Das war mein erstes privates Zusammentreffen mit den beiden Brüdern und zugleich der Beginn einer ganz besonderen Beziehung, die nicht immer einfach war und ist, mir aber so viel Hilfe brachte, so viel Freude und Einblicke in eine für mich völlig fremde Kultur. Ich hatte mich zuvor nie mit Ramadan, dem Koran, der arabischen Sprache oder dem BAMF beschäftigt und wusste nicht, dass die Familie in Syrien den höchsten Stellenwert hat.

Es brauchte Zeit um Verständnis füreinander aufzubringen und noch mehr, einander zu vertrauen. Ich habe meine Patenschaft immer sehr ernst genommen und mich mit Nachdruck beim BAMF erkundigt, warum Bassel im Gegensatz zu seinem Bruder keinen Status hatte (Grund war, dass man vergessen hatte seine Papiere zu versenden). Ich verlebte einen angstvollen Vormittag mit beiden im Krankenhaus als Bassel unter Atemnot litt. Wir gingen gemeinsam auf die Suche nach einer passenden Wohnung, Mini-Jobs und Deutschkursen, und ich unterstützte sie in Behörden-, Arzt- und Bankangelegenheiten.

Und ich bekomme soviel zurück, dass ich es gar nicht in Worte fassen kann. Bassel hat es Ende letzten Jahres zusammengefasst: „Zuerst Carina war Frau im Amt. Dann ist sie unsere Patin geworden und unsere Freundin. Und jetzt ist sie unsere Schwester!“

Das macht mich sehr stolz und glücklich. Ja, Maher und Bassel sind wie Brüder für mich und sie haben einen Herzenswunsch, den ich ihnen allein nicht erfüllen kann. Daher möchten wir um Hilfe bitten. Wofür können die beiden am besten selbst erklären:

Hallo! Wir sind Maher und Bassel und sind 25 bzw. 22 Jahre alt. Wir haben unsere Heimat, unsere Freunde, Nachbarn, Kollegen – vor allem aber unsere Familie – im August 2015 in Syrien verlassen. Die Lage in Damaskus wurde immer schlimmer für uns. Mehrfach täglich und nachts kamen Leute zu unserer Wohnung oder sprachen uns draußen an, und wir mussten immer wieder erklären, warum wir noch nicht Soldaten sind und für unser Land kämpfen. Meine Eltern verkauften schließlich ihre Wohnung um uns mit dem Geld die Flucht zu ermöglichen. Wir mussten sie und unsere Geschwister zurück lassen.

Gemeinsam mit Freunden und Cousins flüchteten wir über den Libanon und der Türkei und dann quer durch Europa. Kurz vor unserem Ziel verloren wir in Ungarn unsere Mitreisenden, so dass wir zu zweit in Deutschland ankamen. Nach einer schlechten und sehr anstrengenden Reise waren wir froh im Camp zu sein: hier war es warm, wir bekamen zu essen und zu trinken und hatten einen Platz zum schlafen. Nach vier Wochen bekamen wir mit sechs anderen Syrern eine Unterkunft in einem kleinen Dorf zugewiesen.

Die ersten Wochen und Monate in Deutschland empfanden wir beide als sehr schlimm: Neben Heimweh plagten uns die Sorgen um die Familie und die Gewohnheiten in Deutschland waren uns sehr fremd, zumal wir kaum etwas verstehen konnten. Aber: wir haben immer Hilfe bekommen. Die Menschen waren immer freundlich zu uns.

Seitdem Carina an unserer Seite ist, ist vieles leichter geworden: Sie organisiert so vieles und unterstützt uns. Aber sie fordert auch von uns, damit wir jetzt auch vieles allein erledigen können. Sie gibt uns Sicherheit, weil wir ihr vertrauen können und sie uns immer alles erklärt und für uns da ist, wenn wir Hilfe brauchen. Und es ist schön für uns, ihr von unserer Heimat zu erzählen und ihr die arabische Kultur zu zeigen.

Mit ihrer Hilfe haben wir seit letztem Winter unsere erste eigene Wohnung in Deutschland und haben uns endlich ein bisschen eingelebt. Dabei hilft uns auch der Integrationskurs, auf den wir so lange warten mussten.

Wir spielen beide Fußball, besuchen gerne Flohmärkte, haben freundschaftliche Kontakte zu Syrern und Deutschen.

Die Sehnsucht nach unserer Familie ist und bleibt und noch mehr die permanente Angst um unseren inzwischen 17-jährigen Bruder Bashar, der in der gleichen Situation ist, wie wir bis vor unserer Flucht. Vor sechs Monaten musste er daher Damaskus und unsere Familie verlassen und lebt seitdem allein in Süd-Syrien. Die Situation für ihn ist unerträglich: die ständige Angst, auch hier entdeckt zu werden und dazu alleine, getrennt von seiner Familie.

Unsere Mutter verbringt eine Woche bei ihm, die andere Woche bei meinem Vater und den anderen Geschwistern. Für sie ist dieser Zustand nervenaufreibend: sie ist in ständiger Sorge um Bashar, aber wenn sie bei ihm ist, ist sie mit ihren Gedanken in Damaskus und fragt sich, ob mein Vater mit unserem jüngsten Bruder und unserer behinderten Schwester allein zurecht kommt. Nun ist unsere Mutter krank geworden und kann in der nächsten Zeit nicht mehr zu unserem Bruder Bashar fahren. Er ist nun ganz auf sich allein gestellt und wir sind in sehr großer Sorge.

Als Bashar noch in Damaskus lebte, konnte er zum Familieneinkommen beisteuern, weil er in einer Autowerkstatt gearbeitet hat. Inzwischen ist mein Vater Alleinverdiener der Familie und muss zusätzlich noch für Bashars Unterhalt bezahlen.

Wir suchen Wege, Bashar zu uns nach Deutschland zu holen, sparen jeden Cent für ihn, um ihm die Einreise mit einer Sicherheit eines Sperr-Sparkontos zu ermöglichen, denn eine Verpflichtungserklärung dürfen wir aufgrund Bezug von Sozialleistungen nicht abgeben. Und auch wenn wir nach Beendigung unserer Integrationskurse sofort Arbeit finden, werden wir nicht ein so hohes Einkommen haben um die Bedingung zu erfüllen, Bashar nach Deutschland einreisen zu lassen.

Wir hoffen auf Ideen, Beratung, Erfahrungsaustausch und gern freuen uns auf Rückmeldungen via E-Mail. Unsere E-Mail-Adresse lautet

die.hoffnung.92@gmail.com

Vielen Dank für Ihre/Eure Aufmerksamkeit.

Von: Carina Newman 

Kommentar hinterlassen zu "Die Geschichte von Carina, Bassel und Maher"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*