Vom Alltag eines Integrationsversuchs

Morgens:

Obwohl hier die Sonne relativ später als in meiner Heimat Syrien aufgeht, muss ich schon früh aufstehen. Ausschließlich in dieser Zeit kann meine Mutter meinen täglichen Anruf entgegennehmen. Denn Internet und Stromversorgung wurden wegen des Krieges zu einem echten Luxus in meinem Land, das tief ins Dunkel versunken ist. Berichtet hat sie mir immer von der aktuellen Gefechtslage in der Gegend, von ihrer neuen Gefallenenliste und deren Todesarten, ohne dabei die Aufzählung der Neugeflüchteten zu vergessen, die aus den weiten, zerstörten ländlichen Gebieten in die Stadt kommen, um sich einen besseren Tod zu suchen.

Trotz all dem betont sie ständig, es gehe ihr gut und sie wünsche sich nur, dass der Krieg bald ein Ende findet, und dass ich wieder zu ihr zurückkehre. Sie fragt mich aber auch, inwiefern ich mich tatsächlich in Deutschland eingelebt habe, und ob ich inzwischen auch Fortschritte mache. Da sage ich zu mir selbst „schweige doch!“, „ich bin es nicht, der Antworten hat“. Sie erwidert: „Am Anfang scheint das Leben in der neuen Heimat schön zu sein, bis auf die Erinnerungsflut. Nach und nach gewöhnt man sich an die neue Umgebung und beginnt auch, zwischen Schmerzen der Vergangenheit und Zukunftshorizonten nach dem Lebenssinn zu suchen. Denn in dem Maße, wie die Toleranz der Gastgeber sowie der Eifer der Neuankömmlinge miteinander zutage treten, lässt sich auch ein lebbares Dasein verwirklichen. Doch eines Tages, wenn man älter wird, und das vage Schicksal seinen Schatten wirft, so wird man endlich nach vertrautem Boden suchen, in dem man ruhen kann. Dies erfahren wir genauso hier bei uns, sogar unter den Einwohnern desselben Landes, die sich trotzdem in Landleute und Städter gespaltet haben.“ Ich stelle mir vor, einen sympathischen Gast durch mein Zuhause zu führen. Wir beide vertrauen uns rückhaltlos. Wir beide genießen das Miteinander und wollen dabei kaum auf die Uhr schauen. Genau das wäre eine gelungene Integration.

Mittags:

Vor Kurzem hat mein neuer Integrationskurs begonnen. Die Lehrer sind hier sehr engagiert und geben sich viel Mühe, unsere verborgenen Fähigkeiten anzuregen. Seit Wochen geht es unermüdlich darum, den Lebenslauf und die Bewerbung am besten zu gestalten sowie den richtigen Weg zu einem Job zu finden. „Was man früher in Syrien beruflich machte, sei nämlich nicht das Entscheidende. Man solle auch die neuen Bedingungen berücksichtigen und immer bereit sein, neu anzufangen.“ Ab und zu blättere ich in einer Zeitung oder checke mein Facebook-Profil, um mich abzulenken, oder auch einige Fragen zu vermeiden. Doch plötzlich weckt mich die Stimme des Lehrers aus meiner tiefen Geistesabwesenheit. „Warum die Hände verschränken und den Blick abwenden? So wirken Sie eher zurückhaltend gegenüber Ihrem Ansprechpartner.“ Kommunikation verlangt eben endlose Zeichen der Körpersprache, um erfolgreich abzulaufen. Genauso ist auch die Integration in die neue Gesellschaft. Wer hier eine gesicherte Zukunft haben will, muss eine große Menge Selbstbewusstsein mitbringen. „Lächle doch, schau ihm in die Augen!“ Aber wie kann ich bloß mit meiner noch dürftigen Sprache meinem Lehrer erklären, dass dies alles nicht von ungefähr kommt? Zurzeit erfahre ich nämlich einen Bruch mit der Geschichte, meiner eigenen Geschichte. Und gerade jetzt kommt eine Führung durch die Altstadt, die mir die Sache noch schlimmer macht. Ich fange erneut an, alles mit allem zu vergleichen. Alte Häuser mit alten Häusern, enge Gassen mit engen Gassen, Mauern mit Mauern, das Hier und Jetzt mit dem Damaskus und Gestern. Ich denke mir, Nostalgie ist wohl der Erzfeind der Integration, und Vergleich ist ihre wirksame Waffe. Sie wirkt wie ein Messer, das in alten Wunden wühlen will und alles wieder bei Null anfangen lässt. Ein hässlicher Wind weht um mich herum und nimmt mir die Ruhe.

Abends:

Bei einem Besuch bei einem syrischen Freund, der seit gut 25 Jahren in Deutschland lebt, geht es wieder ums Thema Integration. „Das ist alles ein großes Spiel“, behauptet er. „Dem äußeren Anschein nach dürfen eine gute Arbeitsstelle sowie eine sichere Sprachkompetenz die tonangebende Rolle spielen, in der Wirklichkeit geht es aber um Zurückgezogenheit und Einsamkeit des Auswanderers.“ Er vermisst das Gefühl von Zusammengehörigkeit und Geborgenheit und kann hier deswegen nicht ewig bleiben. „Mein Exil sei nichts mehr als ein Warten auf etwas Besseres“, wie er mir dann betont. Der Schwerpunkt der Integration liegt also nicht allein in der Zeit oder in dem beeindruckenden Lebenslauf, wie ich mir immer gedacht habe, vielmehr in der Aufgeschlossenheit gegenüber der neuen Kultur und in der Übernahme von Werten und Idealen der neuen Gesellschaft. Es liegt außerdem an der mühsamen Suche nach dem eigenen Weg, allerdings außerhalb der geografischen bzw. der nostalgischen Eingrenzung.

Nachts:

Damit ich mein Hörverstehen üben kann, höre ich fast jede Nacht deutsche Radionachrichten. Was mir mühelos auffällt, sind solche Wörter wie Deutschkurse, Arbeitsplätze, Asylbewerber, Erstaufnahmezentrum, Polizeieinsatz, Schlägerei. Flüchtlinge- und Integrationsdiskussion bestimmen die ganze Medienszene. Alles scheint mir wie eine antreibende, jedoch kaum verständliche Hymne zu sein, die einen eher in Begeisterung als zum Nachdenken bringt. Integration ist wohl, wenn Herzen sich offenbaren und Anderssein gutheißen. Es ist wichtig, immer nach vorne zu blicken, und den Sadismus der Nostalgie, des Weltschmerzes freiwillig auszuleben.

 

Übersetzung: Osama Zen

3 Kommentare zu "Vom Alltag eines Integrationsversuchs"

  1. Marionniesmarion | 9. März 2017 um 14:20 | Antworten

    Das hast du sehr schön geschrieben wael . LG mum

  2. Stürzen einen Nachrichten nicht häufig in eher traurige Stimmung über all das was in der Welt abläuft?

    Vielleicht könnte auch deutschsprachige Musik hilfreich sein, um Hörverständnis für die deutsche Sprache zu entwickeln.

  3. Susanne Groth | 31. Mai 2017 um 17:55 | Antworten

    Bitte schreiben Sie weiter! Erzählen Sie von Ihrem Leben hier in der Fremde, von Ihren Wünschen und Hoffnungen für Ihre Zukunft. Erzählen Sie von Ihrem Leben in der Heimat, von Ihrer Kindheit, von der Schule. Bitte schreiben Sie auf, wie Sie nach Deutschland gekommen sind.
    Meine Mutter war auch Flüchtling. Das traumatische Erlebnis der Flucht hat ihr Leben sehr beeinflusst, doch erst als sie sie entschlossen hatte, alles aufzuschreiben, konnte sie die neue Heimat besser akzeptieren. Die Sehnsucht nach Zuhause, nach den Orten der Kindheit…das bleibt, aber es ist gut, wenn diese Gedanken aufgeschrieben werden. So geht nichts verloren! Mit freundlichen Grüßen
    S. Groth

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